Endspurt rückwärts

Das alte Jahr endete früh. Jedenfalls für die Betreiber des Fusionsgeschäfts zwischen den beiden deutschen Angelverbänden DAV (Deutscher Anglerverband) und VDSF (Verband Deutscher Sportfischer) . Letztgenannter nutzte seine reguläre Jahreshauptversammlung Mitte November um zu beschließen, dass der VDSF die Fusion 2012 durchführen will. Der Wortlaut der Entschließung ist, soweit ersichtlich, nicht veröffentlicht worden. Das ist um so bedauerlicher, als über ausformulierte Entwürfe von Gründungsdokumenten abgestimmt wurde. Die interessierte Öffentlichkeit wurde lediglich mit einer Presseerklärung “informiert” (www.vdsf.de). Der kann man entnehmen, dass die Fusion auf der Grundlage dieser Entwürfe einer Satzung und eines Verschmelzungsvertrages erfolgen soll, die im Sommer von der Initiative “Pro DAFV” vorgelegt worden sind. Zudem klärt uns die Pressemitteilung darüber auf, dass der Beschluss “einstimmig” erfolgte. Und erwähnenswert ist den Verantwortlichen noch die Botschaft, “dass gerade in den letzten Monaten, Wochen und Tagen durch Einzelpersonen und Vereine der Versuch unternommen worden ist, die Vereinigung der beiden deutschen Anglerverbände zu behindern.”

Dieses Ergebnis ist weniger überraschend als die Verlautbarung. Es war nicht zu erwarten, dass nach der Blankovollmacht, die der Verbandsausschuss dem VDSF-Präsidenten erteilt hat, ausgerechnet die Delegierten der Landesverbände hier einen Kurswechsel herbeiführen würden. Auch der Umstand, dass dieser Beschluss vermeintlich “einstimmig” gefasst wurde, hat allenfalls diejenigen Beobachter verwundert, die das Innenleben des VDSF in den letzten zehn Jahren nicht kennen. Viel zu lästig ist das Thema “Fusion” mittlerweile geworden, als dass man sich deswegen mit dem Vorstand anlegen würde. Wo von vornherein keine Aussicht besteht, andere Mehrheiten zu bilden, scheint jede Bemühung chancen- und nutzlos. Zudem herrscht bei den Landesverbänden und ihren Delegierten, vor allem wenn sie aus den alten Bundesländern kommen, nur geringes Interesse an den Belangen auf Bundesebene und erst recht am Thema “Fusion”. Und da gemeinhin angenommen und immer wieder fälschlich behauptet wird, dass die geplante Fusion keine Auswirkungen auf die Landesverbände haben wird, bestand keinerlei Bedürfnis, sich in dieser Frage zu “verkämpfen”.

Man mag versucht sein anzunehmen, dass das Thema ohne große Aussprache “durchgewunken” wurde. Doch dem war nicht so. Dass zumindest in der Verbandsausschusssitzung, die der Jahreshauptversammlung unmittelbar voranging, Diskussionsbedarf bestand, kann man nicht nur daraus schließen, dass die im Vorfeld veröffentlichte Fusionskritik ausdrücklich in der Presseerklärung erwähnt wurde. Deutlicher wurde noch der Bericht des Präsidenten des VDSF-Landesverbandes Berlin-Brandenburg in der aktuellen Ausgabe des “Angelfischer” (www.vdsfberlinbrandenburg.de). Darin wird nicht nur erwähnt, dass auf der Jahreshauptversammlung die überwiegend kritische Haltung des explizit genannten Internetforums “Anglerboard” (www.anglerboard.de) thematisiert wurde, sondern auch, dass sich DAV-Präsident Markstein mehrfach ausdrücklich von diesem “Anglerboard” distanziert hat. Damit wird deutlich, dass die Kritik an der Fusionspolitik des VDSF vom Verband nicht nur Kenntnis genommen wurde, sondern auch Anlass zu Besorgnis gegeben hat. Warum sonst wird diese Kritik diffamiert als “Versuch, die Vereinigung … zu behindern”? Warum sonst werden die Kritiker als “Einzelpersonen” und vereinzelte “Vereine” (alle Zitate VDSF-Presseerklärung) in die Ecke gestellt?

Ganz so vereinzelt, wie es das VDSF-Präsidium darstellt, ist die Kritik allerdings nicht. Sie lässt sich in drei Kategorien einteilen:

1. Fusionsgegner. Sie lehnen eine Fusion ab, weil sie sie nicht für erforderlich und/oder zielführend halten oder weil sie eine Fusion nur unter gänzlich anderen Vorbedingungen akzeptieren.

2. Kritische Fusionsbefürworter. Sie sind für eine Fusion, kritisieren aber das Verfahren, die geplante Ausgestaltung und die Kommunikation der Verbände in dieser Frage.

3. Konstruktive Fusionsbefürworter, die versuchen, über die Basis und Gremienarbeit Verbesserungsvorschläge einbringen (“einzelne Vereine”).

Diese drei Gruppen werden jetzt vom VDSF-Präsidium propagandistisch in einen Topf derjenigen geworfen, die die Fusion “behindern” wollten. Dem Verband scheint konstruktive Kritik genauso lästig zu sein, wie die nicht selten ausfälligen Schmähungen und Unterstellungen weit unterhalb der Gürtellinie, die leider immer wieder insbesondere von einigen Diskutanten auf dem “Anglerboard” verbreitet werden. Dieses Übereinenkammscheren zeigt deutlich, wie verunsichert das VDSF-Präsidium in der Fusionsfrage ist. Nicht jeder, der sich kritisch äußert, ist gleich ein Gegner eines Zusammengehens der Verbände. Im Gegenteil: Ich weiß von einer ganzen Reihe von Vereinen und regionalen Verbänden, in denen aktiv daran gearbeitet wird, konstruktive Verbesserungen an dem Satzungsentwurf und dem Verschmelzungsvertrag vorzuschlagen. Genau dazu hat doch der Fusionsfahrplan der beiden Präsidenten aufgefordert! Was ist so schlimm an Verbesserungsvorschlägen? Solange man eigene Mehrheiten sicher hat – wovon das Präsidium ja offenkundig ausgeht – braucht man sich doch nicht einmal argumentativ mit Ihnen auseinandersetzen; man überstimmt sie einfach…

Soweit die aktuelle Ausgrenzungskampagne des VDSF-Präsidiums auf die kritischen und die konstruktiven Fusionsbefürworter abzielt, ist die Absicht so klar wie verwerflich: es soll verschleiert werden, dass die Fusion nicht von den Kritikern behindert wird, sondern vom VDSF-Präsidium selbst. Denn der VDSF war es, der die Fusionsverhandlungen zweimal, zuerst im Februar 2011 einseitig für beendet erklärt hat (VDSF-Presseerklärung vom 3.2.2011 auf http://www.vdsf.de). Öffentliche Kritik an der handwerklich unzureichenden Machart der Fusion und an der Absage der Gespräche wurde von mir aber erstmalig danach, nämlich am 20.2.2011 geäußert (vgl. “Größter anzunehmender Unfall” auf diesem Blog). Wie kann ich etwas behindern, was zuvor von anderen bereits zerstört wurde?! Der VDSF-Präsident war es, der sich anschließend, als der Druck der Basis gegen den Abbruch zu groß wurde, mit einem neuen Verhandlungsmandat ausstatten liess, welches ihm zugleich die Befugnis zum einseitigen und “endgültigen” Abbruch der Gespräche geben sollte. Wir haben darüber berichtet und über die ganze Zeit dafür geworben, das Fusionsvorhaben fortzuführen. Noch im Herbst wurde ein Papier von mir veröffentlicht mit dem Titel “Für einen besseren Angelfischereiverband in Deutschland” (http://www.fusion-nein-danke.de/wp-content/uploads/2011/09/fuer_einen_besseren_angelfischereiverband_in_deutschland.pdf). Dieses geschah übrigens auf einem Blog, dessen Betreiber ausdrücklich pro Fusion, aber unter anderen Bedingungen eintritt. Es ist schon ein Höchstmaß an Geschichtsverzerrung, wenn das VDSF-Präsidium jetzt erklärt, dass die Behinderungen des Fusionsprozesses durch “Einzelpersonen und Vereine” erfolgt sind. Niemand in der deutschen Angelfischerei hat den Fusionsprozess stärker behindert als – man muss es deutlich sagen – der Präsident des VDSF. Er war es, der den Dialog einseitig abgebrochen und nur durch internen Druck zur Wiederaufnahme der Gespräche gezwungen werden konnte. Er war es, der durch hanebüchene Schuldzuweisungen und herabsetzende Briefe in höchst widerwilligem Ton, aber auch durch Beharren auf unsinnigen Maximalforderungen des Verhandlungsklima bis auf das Unerträglichste überreizte und dabei die Schwächung der Position des DAV-Präsidenten sehenden Auges in Kauf nahm. Das Ausmaß an Nichtbereitschaft zum Kompromiss seitens des VDSF wird das Binnenklima des DAFV auf Jahre hinaus belasten. Sogar der durchaus nachvollziehbare Wunsch, den neuen Verband wenigstens übergangsweise mit einer Präsidentendoppelspitze auszustatten, damit sich beide Fusionspartner in dem neuen Gebilde von Anfang an repräsentiert fühlen können, wurde vom VDSF-Präsidenten in Bausch und Bogen zurückgewiesen. Wie legitim erscheint da die Forderung des LAV Sachsen, dass keiner der jetzt amtierenden Verbandspräsidenten für das Amt des DAFV-Präsidenten kandidieren soll!? Und in der Tat, der Ansehensverlust, den die beiden Präsidenten, vor allem der des VDSF im Laufe des letzten Jahres erlitten haben, disqualifiziert sie für ein weiteres Engagement über die laufende Amtszeit hinaus.

Es wiederholt sich mit der aktuellen Presseerklärung ein Denkmuster, das wir bereits von der ersten Absage der Fusionsverhandlungen kennen, nämlich: “Schuld sind immer die anderen.” Im Februar waren zwei Landesverbandspräsidenten im DAV schuld – ihretwegen fühlte sich das VDSF-Präsidium veranlasst, die Fusionsverhandlungen abzubrechen und sich durch die eigenen Gremien mit einem Mandat ausstatten zu lassen, dass sogar die endgültige Beendigung von Gesprächen mit dem DAV ohne Befragung des Verbandsaussschusses oder der Jahreshauptversammlung vorsah. Im Oktober waren diejenigen schuld, die “nicht nachdenken” (Zitat VDSF-Präsident). Jetzt sind diejenigen schuld, die kritische Fragen stellen, “Einzelpersonen” und “Vereine”. Fast scheint es so, als würden in der Vorstellungswelt des ewig unschuldigen VDSF-Präsidiums für den Fall, dass doch noch etwas schief läuft mit der Fusion, diese “Einzelpersonen” und kritischen “Vereine” noch als Sündenböcke in spe gebraucht. Warum sonst erhalten sie vorsorglich schon jetzt einen “Ehrenplatz” in einer Presseerklärung eines Präsidiums, das gerade ein “einstimmiges” Mandat für den eigenen Kurs erhalten hat?

Möglicherweise gibt es Menschen, die mich zu den “Einzelpersonen” zählen. Sollte das in der VDSF-Presseerklärung gemeint sein, bekenne ich mich zur Kritikkategorie Nr. 2. Als Einzelmitglied in einem VDSF-Landesverband habe ich nicht den Einfluss, Verbesserungsvorschläge zu beantragen (und deswegen gehöre ich nicht zur Kategorie Nr. 3).  Man mag meine Position verurteilen nach dem Bismarck’schen Machtprinzip, nach dems nur derjenige Kritik äußern dürfe, der es selbst besser macht. Meine dringliche Bitte an alle wäre deswegen, das Augenmerk auf die konstruktiven Fusionsbefürworter zu richten. Auch wenn ich deren Verbesserungsvorschläge nicht in ihrer Gesamtheit und im Detail kenne: Bitte nehmt sie wenigstens zur Kenntnis und prüft sie! Auch wenn diese Anträge am Ende nicht in die neue Satzung eingehen mögen. Es wäre dann ein Anfang gemacht mit einem respektvollen und wertschätzenden Umgang der Aktiven miteinander, wie wir ihn im neuen Verband auf jeden Fall haben sollten.

Dazu wird es nicht kommen. Das VDSF-Präsidium fühlt sich als machtvoller Sieger und ist dementsprechend beratungsresistent. Bereits im Oktober hat sich der VDSF-Präsident in einem Deutschlandradio-Interview ausdrücklich dazu bekannt, dass die Fusion nur unter den vom VDSF diktierten Vorzeichen stattfinden werde – im Beisein des DAV-Präsidenten! Auch wenn die Entscheidung der DAV-JHV noch aussteht, muss doch bezweifelt werden, ob der kleinere Verband das Risiko eingeht, noch einmal mit Forderungen an den VDSF zu treten, die den viel zu straffen Zeitplan gefährden könnten. Die Schuldzuweisung nach dem allzu bekannten Muster wäre dem DAV sicher. Der DAV hat im Fusionsprozess durch das rabiate Agieren des VDSF-Präsidenten leidvolle Erfahrungen gemacht. So steht zu befürchten, dass das DAV-Präsidium den Fusionsplan jetzt auf Biegen und Brechen durchdrücken will, selbst wenn zentrale Fragen, wie etwa die Fortexistenz der Gewässerpools, ungeklärt bleiben. Für ostdeutsche Angler sind die “Errungenschaften” des DAV wie der Gewässerpool ein wichtiger Teil ihres Anglerstolzes. Diese Errungenschaften stehen jetzt zum Ausverkauf.

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